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Warum bin ich
gerne Hebamme?
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Warum ich meinen Job als Hebamme aufgegeben habe
Warum bin ich gerne Hebamme?
 
ein Text von Solveig Carstens

Warum bin ich gerne Hebamme, was mag ich daran so?

Warum wollte ich immer Hebamme sein und wie war es denn, als es endlich so weit war?

Alle schreiben so schöne Worte, wohlklingende Sätze und Liebeserklärungen an ihren Beruf.

 

Ich empfand plötzlich nur Schmerz.

Versteht mich nicht falsch, auch ich liebe meinen Beruf.

Die Familien die ich begleiten darf, sind ein Geschenk.

Und es ist ein wirklich schönes, warmes Gefühl ihnen etwas zurück geben zu dürfen.

Sei es auch nur ein herzliches Lachen zu entlocken, an einem ihrer düsteren Tage.

Warum dann der Schmerz?

Weil ich auch gerne schreiben würde:”ich habe xyz Geburten begleitet und die waren so schön und die Sonne schien, die Welt stand still und die Glocken erklangen”

Aber ich musste an all die Frauen denken, die ich während meiner Ausbildung sah, bei denen es so gar nicht so war. Bei denen Selbstbestimmung, Liebe, Achtung, (Ur-)Vertrauen, Respekt, Zeit und Geduld auf der Strecke vom Auto in den Kreißsaal nieder getrampelt wurden. All die gute Hoffnung die sie mitbrachten, die sie sich in den Geburtsvorbereitungskursen ausmalten und die dann- Personalmangel und anderen Widrigkeiten weichen mussten.

Mehr als einmal saß ich nach einer Geburt geschockt und weinend in einem der Waschräume oder KH Toiletten.

SO hatte ich mir das Hebammen werden und sein NICHT vorgestellt.

Die Geburten waren nicht alle so. Ich dachte auch, Dammschutz und Dauer CTG muss man wohl so hinnehmen. Aber muss man auch Schnitte hinnehmen als Frau, in die empfindlichste Körperstelle, nur weil jemand das Schneiden üben muss? Muss man schreiend und feuerrot auf dem Rücken liegen, panisch keine Luft mehr zu bekommen, nur weil es einem der Anwesenden nicht schnell genug ging und “von oben mit helfend” mit vollem Körpereinsatz auf ihrem Brustkorb lag?

 

Muss man es als Frau hinnehmen, OHNE gefragt zu werden, dass ein junger Assistenzarzt dein Kind mit einer Zange aus dir heraus zieht, nur weil gerade der alternde Oberarzt zu gegen war? Um die Situation auszunutzen etwas zu erlernen, was zum einen aus der Mode gerät und zum anderen von jenem Assistenzarzt nie wieder angewandt werden wird? (kurz drauf als Gyn niedergelassen) muss man das alles?

 

Ist DAS etwa GEBURTSHILFE?


Für mich glichen viele der Situationen sexuellen Misshandlungen.

(...)

Ich habe 2009 mein Examen gemacht, bis zur Ausbildung dachte ich, danach Geburten begleiten zu können. Nach meiner letzten Geburt nahm ich nur noch die Beine in die Hand und lief davon.

Warum schreibe ich dir das jetzt? Weiß ich gerade nicht genau. Vielleicht, weil das erste Gesicht auch ein emotionales Wesen ist, mit Tränen in den Augen, weil so viele Frauen, Babys und Familien ihrer Würde und schönen Geburten beraubt werden.
Überall auf der Welt.

Eine gute, liebevolle, wissende und zurückhaltende Begleitung ist so wichtig und das richtige Maß von unschätzbarem Wert.

Bis zu deinem Projekt dachte ich, das alles ist Schnee von gestern und nicht mehr zu ändern. Mache ich eben keine Geburtshilfe (ich konnte es einfach nicht, ich war innerlich immer wie gelähmt) Wochenbettbegleitung und Schwangerenvorsorge füllten mich auch aus. Es war auch hier ein wundervolles, etwas unbekannteres Arbeitsfeld für die Außenwelt. Viele wissen eben nicht, WAS Hebammen alles machen.

Zu Hause angekommen war da immer die Frage:” Was liebst du an deinem Beruf, was bewegt dich am meisten, was würdest du dir wünschen.

Hier nun mein Text:

Ich begleite Frauen, Familien (Papa darf nicht vergessen werden!!!! Der ist GANZ GANZ wichtig!) in der Zeit der Schwangerschaft und des Wochenbettes. Manchmal auch lange darüber hinaus.

Das noch im Bauch versteckte, unbekannte und doch so nahe Leben wachsen zu sehen… Eine Familie beim Entstehen begleiten zu dürfen, mit all dem Unbekannten was auf sie zu kommt. Ihnen Halt zu geben, ihnen Ansprechpartnerin zu sein, ihr offenes Ohr, ihre Informationsquelle, ihre Schulter zum Ausweinen, ihre Vertraute, ihre Aufmunterung und auch mal Rettung in der Nacht… Wenn man es gemeinsam schafft, dass das verflixte Stillen endlich klappt oder das Tragetuch endlich da sitzt, wo es bequem ist.

Familien haben das Recht, vorbehaltlos, würdevoll, ernst genommen und in dem für sie nötigen Zeitraum begleitet zu werden! Dass sich Frauen entscheiden können, wo und wie sie ihr Kind aus eigener Kraft gebären, steht nicht zur Debatte. Selbstbestimmung ist ein Grundrecht!

Hebammen müssen für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden!

Zu viele unserer geliebten Tätigkeiten bleiben ein Ehrenamt.

(...)


Wir Gesichter sind eben auch Herzen und jedes Herz kann brechen.

Quelle: das erste Gesicht

Warum ich meinen Job als Hebamme aufgegeben habe
 
ein Text von Marie Kristin Drescher

Wenn ich erzähle, dass ich Hebamme bin und jetzt Berufsschullehramt studiere, verstehen die meisten anfangs nicht, warum ich nicht in diesem „Traumjob“ geblieben bin.

 

Viele sagen: „Hach, du arbeitest mit Babys zusammen. Das ist ja süß.“ Natürlich beinhaltet der Beruf mehr als nur das.

Bei einer Geburt zu unterstützen und dabei zu sein, wenn neues Leben beginnt, ist einfach unbeschreiblich.

Es ist großartig, Eltern durch die spannende Zeit der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts zu begleiten und ihnen

mit Rat und Tat zur Seite zu stehen – wären da nicht der Hebammenmangel, die schlechte Bezahlung und die unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Somit ist die Realität leider bei Weitem nicht so romantisch. Im Gegenteil: Sie ist sogar ziemlich hart.

Es fängt schon bei der Ausbildung an. Drei Jahre psychische Belastung in Dauerschleife, viel Verantwortung, wenig Respekt und die klassische Krankenhaushierarchie, in der man als Hebammenschülerin ganz unten steht. Ich dachte immer, Hebammen wären alles liebe, nette Menschen, aber da wurde ich eines Besseren belehrt. Auf vielen Stationen hatte man keinen Namen, war man immer nur „Schülerin“ und trug somit grundsätzlich Schuld an allem. Ich bin oft weinend nach Hause gegangen, weil ich die Zustände kaum ertragen habe.

Massenabfertigung in den Geburtsstationen

Egal ob als angestellte oder freiberufliche Hebamme – die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Mein Anspruch ist, jede Frau so zu behandeln, wie man es sich selbst auch wünschen würde. Dazu gehört, sich Zeit für jede Einzelne zu nehmen. Eine Eins-zu-eins-Betreuung ist das, was am besten für alle Beteiligten wäre. Allerdings entspricht das zurzeit reinem Wunschdenken. Viele Hebammen müssen oft mehr als drei Frauen gleichzeitig in der Klinik betreuen, da geht man irgendwann einfach nur noch nach Zimmernummer,
weil man sich die Namen gar nicht mehr merken kann und nur noch von Zimmer zu Zimmer läuft, um das Wichtigste zu erledigen.
Was an überfüllten Tagen in unseren Kreißsälen passiert, würde ich auch nicht mehr als intime Geburt bezeichnen, sondern eher als Massenabfertigung.

Stark gestiegene Versicherungskosten ruinieren die Hebammen

Es geht dabei um ganz grundsätzliche Dinge wie Arbeitsbelastung, Bezahlung und Absicherung. Als Hebamme verdient man viel zu wenig für die Verantwortung, die man da übernimmt. Man hat keine geregelten Arbeitszeiten, arbeitet im Schichtdienst, hat gegebenenfalls Rufbereitschaft und weiß nie wirklich, was als Nächstes passiert. Hinzu kommt der immense Druck, immer alles richtig machen zu wollen und zu müssen: Erleidet ein Baby und/oder seine Mutter Schaden, was zum Glück selten passiert, muss die Haftpflichtversicherung für die hohen Kosten aufkommen.

 

Das ist der Grund, warum der Haftpflichtversicherungsbeitrag für Hebammen in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen ist und für freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen bei aktuell 8174 Euro im Jahr liegt, das sind fast 700 Euro, die vom monatlichen Netto abgehen. Und die Beiträge werden weiter steigen.

Ich habe auch im Zuge des immer größer werdenden Hebammenmangels überlegt, neben dem Studium Geburtsvorbereitungskurse
zu geben oder Hausbesuche anzubieten, allerdings lohnt sich das aus Kostengründen leider nicht, da der Versicherungsbeitrag auch ohne Geburtshilfe so hoch ist, dass ich am Ende draufzahlen müsste. Ich habe auch mehreren Kliniken angeboten, sie in meinen Semesterferien zu unterstützen, aber anscheinend ist das logistisch für die Krankenhäuser ein Problem. Obwohl sie jede Hilfe dringend bräuchten, konnten sie sich nicht dazu entscheiden, mein Angebot anzunehmen. Auch freiberuflich kann das Angebot den Bedarf nicht ansatzweise decken, sodass viele Frauen mit ihren Stillproblemen, Fragen zum Kind und ihrem Babyblues allein dastehen.

Eine Blinddarm-OP bringt Krankenhäusern mehr als eine Geburt

All das geht natürlich nicht nur mir so. Da sich immer mehr meiner Kolleginnen zu einem Jobwechsel entschließen, wird sich der Hebammenmangel in den nächsten Jahren noch drastisch verschärfen. Schon jetzt lässt sich beobachten, dass immer mehr Kliniken ihre Kreißsäle schließen, sodass eine wohnortnahe Versorgung der Mütter kaum noch möglich ist und somit auch die Sicherheit von Mutter und Kind leidet. Allein 190 geburtshilfliche Einrichtungen haben zwischen 2006 und 2016 in Deutschland dichtgemacht.
 

Das Gesundheitsministerium weiß um die Probleme. Viel geschehen ist in der Vergangenheit trotzdem nicht und wird es auch in Zukunft nicht – solange Kliniken für eine Blinddarm-OP doppelt so viel Geld von den Krankenkassen bekommen wie für eine natürliche Geburt.

 

Es krankt also im gesamten System. Dabei weiß jeder, und das belegen auch Studien, dass eine kontinuierliche Hebammenbetreuung zu weniger Interventionen während der Geburt führt und für eine bessere Gesundheit der Babys sorgt. Es muss sich dringend etwas an der Gesetzeslage ändern, damit Frauen rund um die Geburt wieder die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht.

Quelle: Xing

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